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Brutal sichtbare Kultur: Kulturzentrum Mattersburg

Betonbau im Brutalismus und Glasfronten, die Verbindung von Alt und Neu, das Kulturzentrum Mattersburg steht kurz vor der Eröffnung. Projektleiter Hannes Wager skizziert das herausfordernde, nicht immer einfache Bauvorhaben in der Mattersburger Wulkalände.

Das Kulturzentrum Mattersburg ist eines der größten Bauprojekte der Landesimmobilien Burgenland Gmbh (LIB) des vergangenen Jahres. Liegt man mit dem Projekt im Zeitplan?

Ja, die Bauarbeiten liegen im Plan, die Fertigstellungsarbeiten sind im Laufen. Der Probebetrieb wurde gestartet, sprich überprüft, ob alles funktionstüchtig ist, die Leitungen ordnungsgemäß verlegt sind, und die Nutzer werden mit der Anlage, der Haustechnik, vertraut gemacht. Etwaige Mängel werden behoben. Einer Übergabe am 29. April 2022 steht somit nichts im Wege.

An der Umsetzung des Projektes Kulturzentrum „Neu“ wurde zwei Jahre lang gearbeitet. Mit welchen Herausforderungen sah man sich konfrontiert?

Eine der größten Herausforderung in der Planung war sicherlich das Integrieren des Altbestandes in den Neu- bzw. Zubau. Ursprünglich, bei der Schließung des Kulturzentrum 2014 - aufgrund baulicher Mängel -, war ein Abriss des gesamten Komplexes und eine Neuerrichtung an dem bestehenden Standort geplant. Gegen diese Absicht formierte sich starker zivilgesellschaftlicher Widerstand. Es bildete sich die Plattform „Rettet das Kulturzentrum Mattersburg“. Auch Experten wurden auf den Fall aufmerksam, sahen in dem in Sichtbetonweise erbauten Objekt in der Wulkalände, einen Vertreter der Kunstrichtung des Brutalismus. Das Bundesdenkmalamt setzte sich ein: Im November 2016 wurden schließlich Teile des Kulturzentrums – Nordtrakt mit dem Festsaaltrakt, der Brunnen an der Südseite und der Steinblock mit Inschrift – unter Denkmalschutz gestellt.
Ein Architekturwettbewerb wurde vom Land Burgenland ausgeschrieben. HOLODECK architects ging als Siegerprojekt hervor. Gemeinsam mit dem Bundesdenkmalamt wurde ein Sanierungskonzept für das auf 4.750m2 entstehende Kulturzentrum erarbeitet.
 

Mit welchen Vorgaben ging man an die Sanierung heran? Was war das Besondere an dem Sanierungskonzept?

Die Fassade des ursprünglichen Veranstaltungssaals und die teilweise daran anschließenden Räumlichkeiten durften im Zuge der Bauarbeiten nicht verändert werden. Das Bauelement „Beton“ spielte in der Planung und Umsetzung eine zentrale Rolle. Im Juli 2019 kam es zu einem Teilabbruch des Gebäudekomplexes.
Der Bestand wurde für den neuen Verwendungszweck entsprechend gestaltet, um den Übergang zur neuen schlanken Stahl-Glas-Konstruktion des Foyers offen zu gestalten. Eine gewisse Leichtigkeit – als Kontrast zum Brutalismus - wurde durch den Einbau von Stützen und dem abgehängten Steg im Obergeschoß geschaffen. Das Foyer verbindet den Altbestand mit dem Neubau, der den 410 Personen umfassenden multifunktionalen Veranstaltungssaal und Räumlichkeiten für ein Archiv beinhaltet.
Als gestalterische Verbindung zwischen dem 70iger-Jahre Brutalismus und dem Neubau dienen Beton-Fertigelemente als Verkleidung des Neubaus. Über die gesamte Breite des Veranstaltungssaals spannt sich ein raumhohes Stahlbetonfachwerk, das gleichzeitig die Hauptebene des Archivs bildet.

Welches und wie viel Material wurde bei der Sanierung verarbeitet?

Auf einer Nutzfläche von 4.750m2 wurden 500 Tonnen Bewehrungsstahl verarbeitet. Zählt man die verlegten Kabel zusammen, ergibt sich mit den rund 80 Kilometern eine Strecke von Eisenstadt nach Bad Tatzmannsdorf und bei den Wasser- und Heizungsrohren mit seinen 35 Kilometern eine Strecke von Eisenstadt nach Neusiedl am See.
Weiters wurden 5.000m2 Lüftungskanalbleche eingebaut.

 

Wie viele Besucher fasst das Kulturzentrum „Neu“?

Grundsätzlich darf angemerkt werden, dass bei der Ausrichtung der Räumlichkeiten immer Bedacht auf Mehrfachnutzung gelegt wurde.
Der multifunktionale Veranstaltungssaal bietet bei Theaterbestuhlung bis zu 410 Personen Platz, im Literaturhaus können Lesungen für bis zu 70 Personen angeboten werden. Insgesamt hat das Gebäude ein Gesamtfassungsvermögen für bis zu 700 Personen.

 

Was macht das Kulturzentrum Mattersburg so einzigartig?

Das Kulturzentrum Mattersburg war sowohl bei seiner Eröffnung 1976 als auch jetzt bei der Wiedereröffnung einzigartig. Es war das erste Kulturzentrum des Burgenlandes, das auf Initiative des damaligen Kulturlandesrates Gerald Mader und des damaligen Kulturministers Fred Sinowatz zurückgeht – ein kulturpolitisches Experiment mit dem Ziel, dem burgenländischen Raum mit seinen kleinstrukturierten Regionen und Dörfern kulturelle, bildungspolitische und gesellschaftliche Möglichkeiten zu geben, wie sie in Städten vorzufinden sind. Zusammenfassend ist ein Kulturzentrum Theater, Konzerthaus, Ausstellungshalle und Bildungsinstitut unter einem Dach.

Und dem wird auch das Kulturzentrum „Neu“ als Verbindung zwischen Altem und Neuem, zwischen Kultur, Wissenschaft und Forschung gerecht. Es soll ein neues Zentrum für Kultur und Forschung sein – das erste seiner Art: Literaturhaus, Volkshochschule, Landesbibliothek, Landesarchiv, Ausstellungsraum, Jugendtreffpunkt, Veranstaltungshalle und Gasthaus unter einem Dach.